Seit ich mich erinnern kann werden Kinder und Jugendliche schlecht gemacht. Mir erging es nicht anders und trotzdem bin ich heute ein ganz normaler Bürger und Arbeiter. Eigentlich verwunderlich, bedenkt man, was für düstere Prognosen einem, aufgrund scheinbar abartigem Verhalten, in der Jugendzeit gestellt wurden. Heute bin ich aber weder vorbestraft noch falle ich jemandem zur Last. Nein, ich leiste meinen Beitrag für die Bevölkerung. Also auch für jene Leute, die in mir, wie in allen meinen jugendlichen Leidensgenossen, einen potentiellen Taugenichts sahen.
Die Lehrer mahnte uns nachdrücklich die Menschen auf der Strasse zu grüssen. Auch durften wir nicht erwarten, dass wir zuerst gegrüsst werden, dies musste stets von den Jungen ausgehen; ausnahmslos. Noch wichtiger war, nach dem Grüssen, das passieren ohne zurückzuschauen. Rückwärtsschauen war verboten und höchst unanständig. Bei anderen Gelegenheiten war „rückwärtschauen“ nicht bloss unanständig, sondern weitaus schlimmer. Nämlich während des Gottesdienstes.
Neben dem katholischen Bibelunterricht (vom Lehrer) und dem Religionsunterricht (vom Pfarrer) mussten wir während der gesamten neunjährigen Schulzeit einmal die Woche den Gottesdienst besuchen. Dies war Pflicht-Schulfach am Dienstag Morgen und dauerte fast zwei Schulstunden, da nach dem Gottesdienst noch die Kirchenlieder von nächster Woche geübt wurden. Der Gottestdienst war öffentlich und wurde nebst den zwangsinstallierten Schülern von, ausschliesslich alten, Dorfbewohnern besucht. Was die „zivilen“ Kirchgänger als schlechte Sänger boten, mussten die Schüler kräftig kompensieren, damit die ganze Übung nicht zu Fiasko wurde. Deshalb also das wöchentliche Nachsitzen mit Kirchenlieder.
Die Schüler mussten, sortiert nach Schulklasse, in den vordersten Bänken Platz nehmen. Erste Klasse zuvorderst, neunte Klasse zuhinterst. Gleich dahinter die Lehrerschaft, oder zumindest diejenigen, welche den Dienst diese Woche übernahmen, während die anderen ausschliefen. Sollte es jemand der Schüler wagen nach hinten zu gucken, wurde der Lehrer im Dienst aktiv. Das Vergehen wurde in die Schulstunde danach getragen, wo man sich Beschimpfungen anhören musste. Man wurde gleich noch für andere ungeheuerliche Skandale verantwortlich gemacht: Fahrradbremsspuren auf dem Pausenplatz; rumliegende Brotresten (so etwas hätte es während des Krieges nie gegeben – gemeint war stets der zweite Weltkrieg). Wer nun meint ich spreche von den fünfziger Jahren irrt; achtziger Jahre. Stets wurde einem ausgemalt was für ein verkommenes Subjekt man sei und die Erwachsenen schämten sich, dass man trotz strengster Erziehungsmethoden, Kinder aufzieht, welche es später einmal bestenfalls zum Kleinverbrecher bringen.
Nun sitze ich also da, habe Arbeit, eine Familie, eine gute Ausbildung und nehme die gesellschaftlichen Verpflichtungen wahr. Der Fokus der damals Scheltenden hat sich nicht verschoben, wiederum ist die Jugend im Visier. Diese scheint dermassen schlimm zu sein, dass man von mir, als kleineres Übel, abgelassen hat. Oder ist es bloss weil ich heute die AHV und Pflegekosten der damals ach so Überlegenen bezahle. (Neuerdings bezahle ich sogar via meine Private Vorsorge – zweite Säule – etwas an die Älteren damit die Rentenversprechen, welche an sie gemacht wurden, eingehalten werden können).
Die Jugendgewalt hat in „meinem“ Kanton Luzern seit meiner Kindheit massiv zugenommen. Alleine in den Jahren 2000 bis 2005 gab es laut Statistik der Kantonspolizei eine Verdreifachung der Anzahl Körperverletzungen ausgeübt von Jugendlichen. Besonders erschreckend ist die Zuname gerade bei den schweren Verbrechen. Parallel dazu hat die Anzahl Sozialhilfebezüger zugenommen. Mit einem Anteil von gut 35% sind Kinder und Jugendliche (unter 18 Jahren) in der Sozialhilfe überproportional vertreten im Kanton Luzern (stand 2002).
Angesichts der weniger erfreulichen Tendenzen in den letzten Jahren, scheint mein subversives Verhalten von damals eher harmlos. Es wird ernsthaft Zeit, dass sich endlich jemand der Alten sich bei meiner Generation entschuldigt, für die Schikanen und Repressionen welche diese uns auferlegten. Heute verschweigen sie lieber den Wert den wir zum Alterswohlstand beitragen und meckern, in altbekannter Manier, weiterhin über die verruchten Jungen. Die Jugendlichen wurde stets schlecht geredet und wen wunderts, wenn sie dann und wann wirklich schlecht sind. Die permanente Empörung lässt sich nicht mehr steigern. Der Fokus ist derselbe geblieben, gescheiter ist man daraus nicht geworden.