Der Arbeitsmarkt in der Schweiz unter der Personenfreizügigkeit mit der EU

Februar 11, 2008

Umziehen und Schulversagen

Gespeichert unter: Nicht kategorisiert — Schlagworte: , , , , — wanderarbeiter @ 11:44

Meine Primarklasse war eine äusserst homogene Gruppe.  Sie bestand, alle die Jahre durch, stets aus denselben Mitschülern; mit Ausnahme von Manuela, welche in der vierten Klasse zuzog und nach etwa einem halben Jahr wieder von dannen ging. Das besondere an Manuela war, dass sie die schulischen Leistungen, selbst der schwächsten Mitschüler, deutlich unterbot. Sie war scheu und nett aber in der Schule hilflos überfordert. Es schien gar, sie sei nicht ganz bei der Sache.

Für uns war es unerklärbar wie man so versagen kann und stempelten sie als dumm und blöd ab. Die Lehrer versicherten uns aber, dass der ständige Wohnortswechsel der Familie der Grund für die Schwächen der Kinder sei (Manuela hat einen kleinen Bruder der mindestens soviel Mühe in der Schule hatte). Manuelas Familie zog ständig um und hat auch unsere Gemeinde bald wieder verlassen. Jahre später sind sie wieder ins selbe Dorf zurückgekehrt und Manuela hat eine Klasse unter mir besucht.

Das Interessante ist, dass die verschiedenen Aufenthaltsorte von Manuelas Familie alle innerhalb der Deutschschweiz, die allermeisten gar im selben Kanton, lagen. Man könnte meinen, dass es zwischen dem Schulstoff an den verschiedenen Orten keinen grossen Unterschiede gab, aber dies war offensichtlich nicht das Problem. Das Problem, meinten unserer Lehrer, sei die Unstetigkeit im Leben, den Kräfteverschleiss sich ständig neu orientieren zu müssen, und die Ungewissheit nicht zu wissen wie lange etwas dauert und für wie lange man es haben darf.

Vielleicht war Manuela ein Einzelfall und es mag andere Beispiele geben wo ein ständiger, opportunistischer Wohnortswechsel sich als vorteilhaft herausstellt. Plausibel ist das Zweite jedoch nicht. Wer kann sich vorstellen, dass die Unrast und Ungewissheit die schulischen Leistungen nicht mindert? Trotzdem scheint die Wirtschaft erfolgreich ihr Anliegen durchzusetzen und der Gesellschaft den Glauben aufzuzwingen, dass die Umzieherei unumgänglich sei. Sie nennt dies dann dynamisch. Das Ziel des vollständig liberalisierten Arbeitsmarktes ist nicht auf die schulischen Leistungen der Allgemeinheit Rücksicht zu nehmen, sondern aus einer globalen Auslese die wenigen nicht Zurückgebliebenen für sich gewinnen zu können. Damit erreicht man die Verwirklichung des flexiblen Arbeitsmarktes zum Wohle der Betriebe, ohne die Nachteile der schwindenen Ausbildungsleistungen gleichzeitig in Kauf nehmen zu müssen. Mit den Negativfolgen muss sich dann der Staat herumschlagen, der diesen Strukturwandel, und dies ist das absonderliche an der Situation, auch noch offiziell begrüsst und fördert.

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