Der Arbeitsmarkt in der Schweiz unter der Personenfreizügigkeit mit der EU

Juli 17, 2008

Kommentar zum Artikel Inländervorrang

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Herr Hesse hat mir zum Eintrag „Inländervorrang folgendes geschrieben:

„Zu dem Thema muß ich sagen,daß meine Frau bei ihrer Jobsuche sehrwohl größere
Probleme hat eine Anstellung zu finden,obwohl sie sehr gut qualifiziert ist und 15
Jahre Berufserfahrung besitzt.Sie ist Deutsche,deshalb wird eine Schweizerin immer
bevorzugt.Das nervt uns sehr und wirft kein gutes Bild auf die Schweiz und ihre
Bürger. T.Hesse Aadorf/TG“

Lieber Herr Hesse,

Herzlichen Dank für ihren Beitrag. Was sie berichten hat mir soeben auch ein Assistenzarzt vom Kantonsspital zugetragen: Er ist als Schweizer der einzige Nicht-Deutsche in seiner siebzehn köpfigen Arbeitsgruppe und hat festgestellt, dass er bei Bewerbungen gegenüber Ausländern deutlich bevorzugt wird. Man möchte lieber Schweizer Arbeitnehmer, hat aber schlicht nicht die Möglichkeiten dies auch durchzuziehen.

Eine ältere Arbeitnehmerin aus dem Industriesektor erzählt mir, dass bloss wenige Deutsche in ihrer Firma beschäftigt waren, bis sich ein einziger Deutscher in entscheidender Positionen im Management der Personalabteilung befand. Danach drehte die Anstellungspolitik schlagartig und es wurden nur noch Deutsche eingestellt.

Dass Arbeitnehmer die eigene Spezie fördern hat einzig egoistische Zwecke. Mit seiner Anstellungs- und Beförderungs-Politik zeigt man, was auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Weil man selber gerne gefragt sein möchte, fördert man also diejenigen die so sind wie man selber. Dies wirkt sich dann aus auf Arbeitsbedingungen die sich unterscheiden nach Nationalität, Geschlecht, absolvierter Ausbildung, Alter, und so weiter, aber nicht nach Qualifikation. Der Arbeitsmarkt wird geleitet von Menschen, welche gleichzeitig auf der Nachfrage und auf der Angebotsseite stehen. Dass es da zu Interessenkonflikten kommt lässt sich kaum vermeiden.

Da Firmen zunehmend von Verwaltern und Nicht-Eigentümern geführt werden und die Arbeitnehmer rasch die Stelle wechseln (müssen), verschlechtert zudem die Aussicht, dass bei Beförderung, Anstellung und Lohn, solche egoistische Züge vor das Wohl der Firma gestellt werden. Dies lässt sich nicht regulieren, obschon die bilateralen Verträge zur Personenfreizügigkeit dies gerne vortäuschen.

Interessant ist ein Artikel, verfasst vom Chef der Telekommunikationsfirma Sunrise und erschienen in der Zeitschrift Weltwoche. Er sagte, dass Sunrise in den vergangenen Jahren grosse Fehler begangen habe, wovon der grösste war, dass zu wenige Schweizer in Kaderpositionen vertreten waren. Er will dies nun korrigieren. Verletzt er damit gegen die bilateralen Verträge, die den Inländervorrang abschaffen? Dürfen sich die deutschen Kollegen über diese Massnahme empören?

Was ihre Frau erlebt, Herr Hesse, und gegen was sich dieses Forum richtet, ist, dass die Personenfreizügigkeit zu einer enormen Zuname von Arbeitskräften geführt hat. Dadurch ist der Preis der Arbeit gesunken, die Ausbildungsqualität hat gelitten und die Möglichkeiten für den Einzelnen wurden eingeschränkt. Das Staatsekretariat für Wirtschaft, sowie der Arbeitgeberverband haben uns versprochen, durch die Verschlechterung der Arbeitsqualität (etwa das Sinken der Reallöhne seit Einführung der Personenfreizügigkeit und die damit verbundene Kostensenkung zugunsten der Arbeitgeber) würde die Wirtschaft dermassen beflügelt, dass dadurch alle profitieren würden. Sie erzählten uns, dass durch eine massive Steigerung der Nachfrage (nach Arbeitsplätzen), schlussendlich mehr Arbeitsplätze und bessere Arbeitsplätze entstehen. Ein ökonomischen Perpetuum-Mobile: Man nimmt den Leuten immer mehr weg und also Folge davon haben sie immer mehr. Dass dies nicht aufgeht hat die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt und muss nun auch ihre Frau spüren: Der Arbeitsmarkt wird von den Arbeitnehmern kontrolliert; Junge müssen zuerst Praktika zu schlechten Bedingungen absolvieren; Kompromisse oder Umschulungen werden kaum mehr angeboten; wer nicht genau dem Profil entspricht wird ausgemustert, wie etwa die – trotz Hochkonjunkur – jährlich dreissig- bis vierzigtausend Ausgesteuerten. Es herrscht ein harter Kampf um die offenen Arbeitsplätze und wer meint privilegiert zu sein, hat sich von falschen Versprechen benebeln lassen.

Ihr Fall, Herr Hesse, ist bestimmt keine Ausnahme, sondern passt genau in das Schema, wie die Globalisierung Familien auseinander reisst. Mein Chef ist Engländer, seine drei Kinder genossen eine gute Ausbildung und gehen nun attraktiven Beschäftigungen nach in der Schweiz, in Schweden und Australien. Ich selber bin in den letzten zehn Jahren rund fünf Mal umgezogen und habe dabei Strecken zwischen 150 und einigen zehntausend Kilometern zurückgelegt. Bestens Qualifizierte finden zwar in der globalisierten Welt leicht eine attraktive Arbeitsstelle, müssen aber ihre Suche auf den ganzen Globus ausweiten, ansonsten wird daraus nichts. Dass der gut-qualifizierte Ehepartner ebenfalls im selben Ecken der Welt zur selben Zeit eine passende Stelle antreten kann, wo doch auch er weltweit suchen muss, ist eher unwahrscheinlich. Schauen sie sich in ihrer Umgebung um und sie werden beobachten, wie etwa Sozialhilfeempfänger ihren gesamten Familienkreis in enger Umgebung haben. Auch wenn dieser riesig ist und alle gar nicht aus der Schweiz stammen, sondern jeder Einzelne – zum Beispiel aus der Türkei – einwandern musste. Die Chefs und Gutbetuchten dagegen haben bestenfalls ihren Partner als einziges (Gross-)Familienmitglied im näheren Umkreis von hundert Kilometern, wobei der Partner oft keiner (der Ausbildung entsprechenden) Beschäftigung nach geht. Hochspezialisierte Arbeit und Familie reibt sich mit der Personenfreizügigkeit, welche einen Wirtschaftsraum vom Baltikum bis zu den Azoren schafft. Für Erdbeerenpflücker oder Sozialhilfeempfänger sieht es diesbezüglich besser aus, dies sollte aber einzig eine Option sein, falls die eigenen Familienwerte weit wichtiger sind als alles andere.

Juli 11, 2008

Wohlstand durch Masse

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Von ehemaligen Spitzensportlern liest man gelegentlich wie diese ihr ruhmreich angehäuftes Kapital rasch an der Börse verprassten und nun mit ziemlich abgesägten Hosen da stehen. Dies liest man aber nur, falls diese Berühmtheiten wegen sonst einer Geschichte wieder einmal in den Schlagzeilen sind und man sich fragt, wieso diese die Publizität überhaupt nötig haben: Eben darum; Geld verspielt. Sonst kennt man keine Leute die Geld verprassten, obwohl die Amtsblätter gespickt sind mit langen Listen finanziell gescheiterten Nachbarn. Es ist uns ein leichtes ein paar Namen mit Börsenmillionarios auf zu zählen, aber bei den Gescheiterten fällt uns Niemand ein. Höchstens ein paar Ex-Sportler eben. Für Adolf Ogi mag es eine herbe Niederlage sein, dass jemand im Leben schlittert, obwohl er schnell den Hang runter (Peter Müller) oder rauf (Beat Breu) fahren kann.

Nun kommt der Bankberater ins Spiel (ein ehemaliger Fussballprofi – 3 Jahre FC Aarau in der obersten Liga). Dieser erklärt uns, dass die grossen Börsen-Indizes in den letzten hundert Jahren langfristig stets nach oben zeigten. Bei einzelnen Titel sind Rückschlage denkbar, setzt man aber auf ein Kollektiv (sprich Fonds) von gut diversifizierten Titeln, kann man langfristig nur gewinnen. Für einen 30-jährigen Familienvater mit mehreren Kindern im Vorschulalter, ohne Eigenheim oder Auto, empfiehlt er deswegen eine langfristige Position. Das heisst, dass man jetzt – wo die Kinder noch klein sind und bald zu Schule gehen und man vielleicht ein Eigenheim erwerben möchte – sein Geld dem Bankier (Ex-Fussball-Profi) gibt und er einem dies, mit einer tollen Rendite zurück gibt, zu einem Zeitpunkt, wenn die Kinder von Zuhause ausgeflogen sind und selber arbeiten. Ich weiss zwar noch nicht wofür besseres ich dann das Geld gebrauchen werde als jetzt? Vielleicht um wieder zu sparen und dann zu vererben? Meine Kinder sind noch zu klein um einzusehen, dass der Verzicht auf ein eigenes Zimmer sich im Moment allemahl lohnt, wenn sie die Aussicht haben mit sechzig Jahren dafür umso mehr zu erben (bevor meine Kinder sechzig sind, trete ich nicht ab).

Wie dem auch sei: Mich dünkt der Berater, mag er noch so ein flinker Drippler sein, unterlegt dem selben Irrtum der selektiven Auswahl wie ich selber, wenn ich versuche gescheiterte Börsenspekulanten auf zu zählen. Der Börsen-Index, auf den er sich beruft, ist eine Auswahl der erfolgreichsten Titeln. Ist ein Titel nicht mehr erfolgreich, oder die Firma Konkurs, findet sich deren Aktie auch nicht mehr im Index. Der Dow Jones Industrial Average war in den dreissiger Jahren mal bei unter 50 Punkten und ist heute bei über 13′000 Punkten (Trotzdem hätte ich nicht gerne siebzig Jahre auf alles verzichtet, bloss um mein Geld gewinnbringend anzulegen).

Als der Dow Jones Index das erste mal erhoben wurde, waren vor allem Produktionsbetriebe in Holzgewinnung und Lederverarbeitung vertreten. Wer damals in jene Firmen investierte kann heute mit diesen Aktien der Pfadi bei ihrer Altpapiersammlung eine Freude machen, und dies obwohl der Index stark anstieg. Aber eben, die Titel im Index wechselten. Von den ursprünglichen Titeln ist bloss General Electric weiterhin aufgeführt. Wer dafür zu Beginn weg in Lederverarbeitung plus General Electric investierte, mag leicht über den Niedergang der Lederverarbeitungsindustrie hinwegkommen.

Während der langen Zeitspanne, welche manche Indices dokumentieren, hat vor allem auch die Menge an Wertschriften zugenommen. Falls der Index tendenziell die erfolgreicheren Titel aufführt, so hat dieser einen höheren Wert, falls mehr Titel zur Auswahl stehen. Oder anders ausgedrückt: Falls die Auswahl steigt, steigt ziemlich sicher auch der Wert des wertvollsten Titels. Folgende Simulation soll dies verdeutlichen:

Die Aktien nehmen Werte grösser gleich Null zufällig an. Im Durchschnitt haben sie den Wert 1 und folgen der Exponentialverteilung wie hier dargestellt:

Exponentialverteilung

Exponentialverteilung.

Nun berechne ich für einen Index, bestehend aus den 20 besten Werten aus allen möglichen N Werten, den Durchschnitt. Ich tue dies für verschiedene Ns von 20 bis 500 und erhalte dabei folgende Abhängigkeit von N und meinem Index-Durchschnitt:

Index der 20 besten Titel aus N (Abszisse) zur Auswahl stehenden Titel.

Index der 20 besten Titel aus N (Abszisse) zur Auswahl stehenden Titel.

Wie zu erwarten, steigt die Kurve mit wachsender Anzahl Wertschriften an. Je mehr Aktien zur Verfügung stehen, umso grösser ist der Wert der wertvollsten darunter.

Weiter mit einer anderen Konstellation. Nun starten alle Aktienpreise mit dem Wert Null. Es wird simuliert wie sich diese Werte mit fortlaufender Zeit verändern. Von einem Zeitpunkt zum nächsten kann jeder Wert entweder stark zunehmen (plus 2), einfach zunehmen (plus 1), stagnieren oder einfach (minus 1) oder stark abnehmen (minus 2). Nehmen wir weiter an, dass die Stagnation zu 20 Prozent der Zeitpunkten eintritt, die einfachen Veränderungen in 30 Prozent und die starken Veränderungen in 10 Prozent aller Zeitpunkte. Insgesamt werden 50 Zeitsprünge angenommen und wieder interessiert uns die Frage welcher Wert die 20 besten Aktien zum letzten Zeitpunkt haben, in Abhängigkeit von der Anzahl Aktien welche auf dem Markt sind. Der ermittelte Zusammenhang zwischen Wert und Quantität ist in Kurve A im Bild unten dargestellt. Wieder ergibt sich qualitativ derselbe Zusammenhang wie in obigem Beispiel. Den Ökonomen und Bankberater freut’s. Mit zunehmender Titelauswahl steigen die Indices, selbst wenn zu jedem Zeitpunkt alle Aktien mit exakt gleicher Wahrscheinlichkeit fallen wie steigen.

Index der 20 besten (A blau), der 20 schlechtesten (B rot) Titel und der 20 besten Titel, wenn eine Unterschreitung der Verlustzone zur Elimination und Ablösung durch einen neuen Titel führt (C grün).

Index der 20 besten (A blau), der 20 schlechtesten (B rot) Titel und der 20 besten Titel, wenn eine Unterschreitung der Verlustzone zur Elimination und Ablösung durch einen neuen Titel führt (C grün).

Wenn wir nun den Durchschnittswert der 20 schlechtesten Aktien abbilden (Kurve B im obigen Bild) sehen wir, dass tatsächlich im Schnitt nichts gewonnen wurde. Was bei den besten Aktien dazu gewonnen wurde, wurde bei den schlechtestes verloren. Es wird nun auch offensichtlich, dass wir nicht mehr von Aktien sprechen, da negative Preise in dem Zusammenhang keinen Sinn ergeben. Also stellen wir uns vor dass der errechnete Wert nicht derjenige einer Aktie ist, sondern das Firmenvermögen. Die Firma ist völlig ausgeglichen, denn mit gleicher Wahrscheinlichkeit macht sie jedes Jahr entweder Verlust oder Gewinn, im Durchschnitt bleibt das Firmenvermögen konstant. Trotzdem zeigt unser Portfolio der zwanzig besten Unternehmen steil nach oben, falls man die Quantität fördert. Wird Gigantismus gefördert (grosse Anzahl möglicher Werte – Abszisse), ohne gleichzeitig die negativen Seiten (Linie B) zu erwähnen (über Verluste redet man nicht gerne), kann also das Bild entstehen, dass zwangsläufig alles stets besser wird (solange die Quantität zu nimmt).

Gehen wir nun noch davon aus, dass Firmen nicht allzu viel Schulden machen können, und bauen dies in unsere Simulation ein. Falls ein Unternehmensvermögen auf den Wert von minus 1 fällt, so wird dies (kurzfristig) noch verkraftet, fällt es aber weiter darunter, verschwindet die Firma. An ihre Stelle tritt eine neue Firma, die den Sektor (hoffentlich erfolgreicher) bedient. Die Kurve für die 20 besten Unternehmen unter diesen Voraussetzungen sieht nun noch vielversprechender aus (Kurve C). Die neue Kurve übertrifft die alte an Wert. Dies kann dadurch erklärt werden, dass bei der alten Kurve gewisse Titel unter Null fallen um schlussendlich und langfristig doch bei den besten zu landen. Dass die zweite Kurve aber besser abschneidet, zeigt, dass sich Langfristigkeit und Durchhaltewille nicht ausbezahlt: Ist die Unternehmung ineffizient, lohnt es sich nicht auszuharren (Kurve A) sondern die Unternehmung schnell zu vergessen und auf ein anderes Ross zu setzten (Kurve C).

Die volkswirtschaftliche Lehre, welche wir daraus ziehen ist, dass die Vorzeige-Unternehmen umso glänzender da stehen, umso grösser der Markt wird. Zwar gibt es im grossen Markt auch viel mehr Verlierer, aber über die wird schliesslich nicht berichtet. Der Erfolg einer wirtschaftlichen Massnahme misst sich an den Gewinnern. Wird der Wirtschaftsraum vergrössert zeigen alle statistischen Indices, bereitgestellt von der Handelskammer, nach oben (Kurven A und C). Alle Indices, die von den Gewerkschaften bereitgestellt werden, zeigen nach unten (Kurve B). Recht haben alle.

Seltsamerweise wird Gigantismus stets mit Erfolg gleichgesetzt. Man zeigt stolz auf den Nahrungsmulti Nestlé als ein Schweizer Unternehmen, obwohl bloss bescheidene 2′500 aller Arbeitsplätze von Nestlé in der Schweiz angesiedelt sind. Viele Schweizer Firmen sind einiges grösser als dies, haben aber global nicht dieselbe Grösse, was dann weniger Erwähnung findet. Bei Lebensläufen von Führungspersönlichkeiten ist wichtig, wie viele Mitarbeiter die Firma hatte, die man zuvor leitete, und welchen Umsatz. Dass man gut arbeitete scheint daraus zu folgen, wenn die beiden Zahlen hoch sind. Auch ist die Entschädigung von Kadermitarbeitern höher, wenn die Unternehmung grösser ist. Dies ist wichtiger als die eigene Leistung. Grösse scheint in Wirtschaftskreisen Wohlbehagen und Erfolg aus zu strahlen. Lieber eine Firma mit 50′000 Angestellten, als hundert Firmen mit 5′000 Angestellten, obwohl das zweite zehnmal so gross ist. Dass Firmen eine monopolartige Machtstellung anstreben, welche sie nur durch Grösse erlangen, scheint unausweichlich. Wenn aber Volkswirtschaften ihren Erfolg in der Grösse definieren ist Vorsicht angesagt.

Wohl mögen viele Schweizer glücklich grinsen, wenn Unternehmen mit Firmensitz in der Schweiz international ausstrahlen und sich durch Grösse auszeichnen. Aber was hat es schlussendlich dem Einzelnen gebracht? Nichts! Kauft eine Schweizer Firma einen ausländische Betrieb auf (oder umgekehrt), was ist dann der Gewinn unter dem Strich für den Arbeiter? Oder eine Firma geht global mit der Auslagerung tausender von Arbeitsplätzen (Nestlé?), wiegt dann der Verlust nicht stärker als der emotionale Sieg der sagt: „Wir sind globale Akteure, uns kann man nicht einfach übersehen“?

Wie dem auch sei: Für einzelne Firmen mag die Expansionsstrategie aufgehen, aber die Grösse Einzelner, sollte nicht das Gesamtbild kaschieren. Das Problem ist nicht bloss, dass Verbände und Lobbyisten Gigantismus mit Erfolg gleichsetzen, das Problem ist dass sie damit oft durch kommen. Wie es scheint haben die Menschen eine warme emotionale Bindung zur Grösse. John Ralston Saul beschrieb dies in seinem Essay über den Globalismus so (siehe den Wanderarbeiter zum Ende der Globalisierung): „As for the romance of Gigantism – of corporate size as a criterion for industrial success – it was the beginning to look pretty silly. Endless mergers had led to high levels of unservicable debt and bankruptcy. It was as if size had replaced thought. As if it were a male thing“.

Für die Personenfreizügigkeit heisst dies, dass man die Anzahl Personen in einer Volkswirtschaft ausweiten kann und am Schluss geht es sehr vielen sehr gut. Es geht auch mit grosser Wahrscheinlichkeit einzelnen supergut. Es wird allerdings nach der Ausweitung auch viel mehr Leute geben, denen es nicht so gut geht. Die Frage ist was schlussendlich raportiert wird und daran wird die Bevölkerung messen, ob die unkontrollierte Ausweitung der Personenmenge gut oder schlecht für die Schweiz sei. Leider gibt Gigantismus und Erfolg schlussendlich die besseren Geschichten ab, als das Leid anonymer Randständiger. Gerne wird von der Anzahl neu geschaffener Stellen seit Einführung der Personenfreizügigkeit berichtet und den niedrigen Arbeitslosenzahlen. Wie steht dies aber im Verhältnis zur starken Zuname von Teilzeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen, wie zu den über 30 tausend Ausgesteuerten jährlich? Welche Zahlen sind grösser? Wo hat es mehr Schweizer; mehr Arme oder Reiche, Junge oder Alte? Wie verhält sich die Anzahl neuer Stellen zu der stets wachsender Zahl der Sozialhilfebezüger, der Invaliden und Frührentner. Darf man diese separat von den Arbeitslosenzahlen aufführen? Der Reallohn ist gesunken, das Haushaltseinkommen (da mehr gearbeitet wird und ein Einkommen pro Haushalt oft nicht mehr reicht) nominal gestiegen. Was wird erwähnt? Machen Statistiken mit Nominaleinkommen überhaupt Sinn? Wie verhält sich dies zur Kaufkraft? Zu den erst gesunkenen dann gestiegen Warenpreisen? Wer profitiert? Simple Antworten kann sich jeder selber zusammenstellen. Das ist das Kreative am Gigantismus: In einer vielschichtigen Welt sind alle Antworten generierbar.

Juli 8, 2008

Das Ende der Globalisierung

Grosse Wirtschaftstheorien halten meist nicht länger als ein paar Dekaden. Globalisierung ist nun dreissig Jahre alt und so gut wie tot, so berichtet der Kanadische Autor John Ralston Saul in seinem Artikel „The Collapse of Globalism and the Rebirth of Nationalism“, welcher im März 2004 in Harper’s Magazine erschien. Saul rekapituliert die Geschichte der Globalisierung mit ihrem Anfang in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute.

Obwohl von den Befürwortern als unvermeidlich deklariert, brauchte die Globalisierung stets Gefässe wie das World Economic Forum in Davos ab 1971, die G6 (G8 heutzutage) Treffen ab 1975, sowie Abkommen wie NATAL, GATE und danach WO. Das Wohl der Öffentlichkeit resultierte bei der Globalisierungsbewegung als Nebenresultat aus den Folgen von Handel, Wettbewerb und Selbstinteressen. Ihre Thesen waren verführerisch, einfache Lösungen, mit Verantwortung in unbekannten Händen (Marktkraft), so dass niemand für Nichts Verantwortung tragen musste. Gigantismus wurde als notwendig erachtet um Erfolg in den Weltmärkten zu erlangen.

Einzelne Widersprüche wurden bald erkennbar: Während Globalisierung die freie Wahl Einzelner über das Gemeinwohl zu stellen vorgab, positionierte sie in Wahrheit nicht die Konsumenten in ihren Mittelpunkt, sondern Unternehmenstrukturen, welche den Profit erhöhten in dem sie die Wahlfreiheit eindämmten. Ausserdem ist es fragwürdig wie diese Ideology ein Wachstum in globalen demokratische Strukturen predigen konnte, wo sie doch versuchte die Macht der Nationen zu schwächen. Demokratien existieren innerhalb der Nationen und eine Schwächung der Nationen kommt einer Schwächung der Demokratien gleich.

Hinzu kamen unzählige Privatisierungsexperimente, welche für den Konsumenten desaströs endeten. Der grosse Durchbruch im Arbeitsmarkt für weibliche Angestellte (vor allem in Nord-Amerika) wurde bald als aufgeblasen erkannt: Plötzlich brauchten die Haushalte zwei Einkommen. In 25-Jahren stieg das Einkommen amerikanischer CEOs vom 39-fachen des Durchschnittsgehalts eines amerikanischen Arbeiters auf mehr als das 1′000 fache an.
Es war bald klar das die Globalisierung ihre Versprechen nicht wird einlösen können. Die Führung einer Bewegung, welche als „wahrer Wettbewerb“ gepriesen wurde, war mehrheitlich zusammengestellt aus Professoren, Berater und Technokraten, also Bürokraten des Privaten Sektors, welche grosse Firmen leiten. Die grossen Veränderungen, welche diese Leute einführten, hatten das Ziel Wettbewerb zu verhindern.

In den neunziger Jahren wurde allmählich klar, dass die Nationengefüge stärker waren, als man sich dies zugestand. Zum Beispiel 1991 als die Jugoslawische Armee versuchte Slowenien und Kroatien daran zu hindern ihre Föderation zu verlassen. Das folgende Massaker war ein Test für alle internationalen Organisationen. Alle scheiterten. Während darüber debatiert wurde, dass die globale Wirtschaft die Nationengebilde irrelevant machten, wurden tausende Menschen umgebracht um noch mehr Nationen zu kreieren. Schlimmer noch, das wirtschaftlich-administrative Gebilde der Europäischen Union war nicht in der Lage irgend etwas gegen diese Gräuel zu unternehmen. Ähnlich geschah in Rwanda: Die Nationen meldeten sich zurück; mit allem Übel.

Über mehrere Jahre versuchte Lateinamerika den Instruktionen, vom IMF, westlichen Regierungen und privaten Banken ausgelegt, zu folgen. Zwar gab es einige momentane Erfolge zu verzeichnen, aber langfristig führte der eingeschlagene Weg zum Kollaps. Befürworter beklagen, dass es hätte funktionieren können mit weniger starken Gewerkschaften, weniger Korruption etc., aber reale Wirtschaft muss sich auch in der Realität abspielen; ohne perfekte Bedingungen. Das Fazit ist, dass Latein Amerika nicht mehr an die Globalisierung glaubt. Ebenfalls Afrika, wie ein grosser Teil Asiens. Globalisierung ist nicht mehr global.

Einige Finanzminister haben in letzter Zeit, leise an Reregulierungen gearbeitet. Malaysia hat, als Antwort auf die Wirtschaftskrise, ihre Währung vom Markt genommen, den Export von fremdem Kaptial blockiert, Tarife erhöht und auch sonst alles getan was gegen die Regeln der Globalisierungsbewegung spricht. Trotz aller zynischen Kommentare westlicher Beobachter, dass der Staat dies nicht überleben würde, ging die eingeschlagene Strategie Malaysias schliesslich als Modell dafür hervor, dass eine Stützung der eigenen Währung hilfreich sein kann.

Ein weiteres Beispiel für einen Wirtschaftszweig, die von der Globalisierung richtig durchgeschüttelt wurde, ist die Flugindustrie. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann diese kräftig zu wachsen und Mitte der siebziger Jahren wurden erste Deregulierungen gefordert. Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 erlitten diese einen Rückschlag von 5.7 Prozent, und obwohl es davor einen sechzig Jahre langen Aufstieg gab, war dies bereits zuviel des Schlechten. Diejenigen, welche 25 Jahre zuvor nach Deregulierungen riefen, waren nun Bankrott. Interessant sind auch die weiteren ökonomischen Auswirkungen der Anschläge vom 11. September 2001, als die Gefahr einer weltweiten Depression existierte und erst das eingreifen der Nationen in die Ökonomie schlimmeres verhinderte. Für einmal traten die CEOs zur Seite.

Neuseeland war in den frühen achtziger Jahren das Rollenmodell der Globalisierung. Was folgte waren Jahre mit stagnierendem Lebensstandard. Nachdem die nationale Industrie verkauft war, sich die Wirtschaft in Tiefflug befand und die Jungen das Land in alarmierender Zahl verliessen, kam die Wende in einer Abstimmung Ende 1999. Die Stimmbürger traten ein für die Wende: Mehr Regierungsinterventionen, mehr Regulierungen und einen stabileren privaten Sektor.

Im Frühjahr 2006 wollte Dubai Ports den britischen Hafenbetreiber P&O übernehmen, der sechs Häfen in den USA kontrolliert. Damit wären der Seezugang zu New York, Baltimore, Miami, New Jersey, New Orleans und Philadelphia in die Hände eines staatlichen Unternehmens aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gefallen. In den Häfen wären zwar künftig weiterhin die US-Küstenwache und der Zoll für die Sicherheit verantwortlich gewesen, trotzdem verursachte diese Meldung in den USA heisse Köpfe. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass das US-Repräsentantenhaus den Verkauf blockieren würde. Der Haushaltsausschuss beschloss einen Gesetzesentwurf, der die Übertragung von Pachtverträgen an die Dubai Ports World verbietet. Schliesslich teilte Dubai Ports mit auf die Übernahme der Häfen zu verzichten. Interessanterweise bildeten republikanische Representanten die Speerspitze des Widerstands gegen die Übernahme. Politiker, welche sich stets gegen Protektionismus ausdrückten und alle glauben machen wollten, dass freier Handel Garant sei für Wohlstand, Stabilität und Sicherheit.

Nationalismus ist unverkennbar zurück und präsentiert sich leider nicht bloss von der nette Seite. Dies zeigt sich in Wahlerfolgen extrem-nationalistischer Richtungen Mitte dieses Jahrzehnts in West-Europa (Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland, Norwegen, Schweden, Italien, Österreich, Nord Irland und auch der Schweiz). Globalisierung ist, nach einem eher kurzen Gastspiel, gescheitert. Bleibt zu hoffen dass die Wunden nicht allzu tief stecken, damit das Pendel nicht übertrieben in die Gegenrichtung ausschlägt.

Juli 2, 2008

Welchen Beruf soll man erlernen?

Das Buch „The Elephant and the Dragon“ von Robyn Meredith handelt vom Aufstieg Chinas und Indiens. Es wird aufgezeigt wie dadurch die westliche Wirtschaft durchgeschüttelt wird und was diese dagegen tun kann. In dem Zusammenhang interessiert die Frage, was der Einzelne im Westen tun kann um seinen Lebensstandard zu halten. Das Buch zeigt erst mal folgende westliche Reaktion auf: Die Auslagerung von Produktion und Dienstleistung aus westlichen Ländern nach Indien oder China hat mit zunehmendem Masse auch zu gefährlichen Abhängigkeiten geführt. Die westlichen Regierungen haben dies jüngst erkannt und, da man sich nicht gerne in unsichere Abhängigkeiten begibt, auch reagiert. Sie tun dies mit dem vermehrten Ruf nach Protektionismus. Zur grossen Überraschung haben sogar die globalisierungsfreundlichen US-Senatoren im Jahre 2006 mit einem 27.5 Prozent Zollzuschlag auf alle importierten Waren aus China gedroht als Vergeltung für die unterbewertete chinesische Währung. Es scheint tatsächlich, wie J.R. Saul 2004 im Harper’s Magazine schrieb, dass die Globalisierung zu kollabieren im Begriff ist und der Nationalismus erstarkt.

Mit Protektionismus mag man vielleicht die Einfuhr von Menschen und materiellen Gütern erschweren, nicht aber Dienstleistungen welche über Telefon oder Internet erbracht werden. Deswegen also Robyn Merediths Ratschläge:

1) Massive Investition in Bildung. Also genau nicht das, was die Schweiz mit dem EU15-Personenfreizügigkeitsabkommen beabsichtigt: gebildete Arbeiter von auswärts anheuern, anstatt selber Leute auszubilden.
Unbedingt müssen die Kenntnisse solcherart gelagert sein, dass sie vor Ort zur Anwendung kommen müssen. Als Beispiel wird ein Herzchirurg genannt, welcher an Ort erwünscht wird, wohingegen ein Radiologe leicht durch einen Kollegen ersetzt werden dürfte, der in Bangalore die Röntgenbilder begutachtet.
Die harten Wissenschaften, sowie die ganze Informationstechnologie fallen leider unter die erste Kategorie der leicht auslagerbaren. Politiker beschweren sich gerne darüber, dass es zu wenige Naturwissenschaftler in der Schweiz gibt. Dieser Ruf war bis anhin ein wenig grotesk, da sich diese Politiker meist selber keine Mühe gaben eine Naturwissenschaftliche Ausbildung anzustreben, noch dies ihren Kindern genug nahe legen konnten. Auch forderten sie bloss mehr Naturwissenschaftler, waren aber nie bereit ihnen dies abzugelten, womit sich das Angebot an solchen Arbeitskräften stets nach der Wirtschaftlichkeit für den einzelnen Arbeiter richtete als nach dem leeren Ruf der Politiker. Nun kommt noch der Globalisierungsaspekt hinzu, dass sich eine solche Ausbildung wenig lohnt, da leicht global ersetzbar. Andererseits werden sogenannt weicheren Fächer, wo es kräftigt „menschelt“, nicht so leicht über ein englischsprachiges Email-Memo auszuüben sein.

2) Die Globalisierung wird wenigen Akteuren in der westlichen Welt gewaltigen Reichtum ermöglichen, während die Mehrheit der Leute leer ausgehen wird, wird im Buch weiter ausgeführt. Wer sich also eine einigermassen sichere Stelle aussuchen möchte, sollte sich auf eine Dienstleistung spezialisieren, welche den Superreichen persönlich dient. Diese Dienstleistung wird dann ebensowenig ausgelagert wie der Supperreiche selber. Als Beispiele werden im Buch folgende Beschäftigungen angegeben: Friseur, Fitness-Trainer oder Schrank-Designer. Also dann; Auf die Plätze, …

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