Grosse Wirtschaftstheorien halten meist nicht länger als ein paar Dekaden. Globalisierung ist nun dreissig Jahre alt und so gut wie tot, so berichtet der Kanadische Autor John Ralston Saul in seinem Artikel „The Collapse of Globalism and the Rebirth of Nationalism“, welcher im März 2004 in Harper’s Magazine erschien. Saul rekapituliert die Geschichte der Globalisierung mit ihrem Anfang in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute.
Obwohl von den Befürwortern als unvermeidlich deklariert, brauchte die Globalisierung stets Gefässe wie das World Economic Forum in Davos ab 1971, die G6 (G8 heutzutage) Treffen ab 1975, sowie Abkommen wie NATAL, GATE und danach WO. Das Wohl der Öffentlichkeit resultierte bei der Globalisierungsbewegung als Nebenresultat aus den Folgen von Handel, Wettbewerb und Selbstinteressen. Ihre Thesen waren verführerisch, einfache Lösungen, mit Verantwortung in unbekannten Händen (Marktkraft), so dass niemand für Nichts Verantwortung tragen musste. Gigantismus wurde als notwendig erachtet um Erfolg in den Weltmärkten zu erlangen.
Einzelne Widersprüche wurden bald erkennbar: Während Globalisierung die freie Wahl Einzelner über das Gemeinwohl zu stellen vorgab, positionierte sie in Wahrheit nicht die Konsumenten in ihren Mittelpunkt, sondern Unternehmenstrukturen, welche den Profit erhöhten in dem sie die Wahlfreiheit eindämmten. Ausserdem ist es fragwürdig wie diese Ideology ein Wachstum in globalen demokratische Strukturen predigen konnte, wo sie doch versuchte die Macht der Nationen zu schwächen. Demokratien existieren innerhalb der Nationen und eine Schwächung der Nationen kommt einer Schwächung der Demokratien gleich.
Hinzu kamen unzählige Privatisierungsexperimente, welche für den Konsumenten desaströs endeten. Der grosse Durchbruch im Arbeitsmarkt für weibliche Angestellte (vor allem in Nord-Amerika) wurde bald als aufgeblasen erkannt: Plötzlich brauchten die Haushalte zwei Einkommen. In 25-Jahren stieg das Einkommen amerikanischer CEOs vom 39-fachen des Durchschnittsgehalts eines amerikanischen Arbeiters auf mehr als das 1′000 fache an.
Es war bald klar das die Globalisierung ihre Versprechen nicht wird einlösen können. Die Führung einer Bewegung, welche als „wahrer Wettbewerb“ gepriesen wurde, war mehrheitlich zusammengestellt aus Professoren, Berater und Technokraten, also Bürokraten des Privaten Sektors, welche grosse Firmen leiten. Die grossen Veränderungen, welche diese Leute einführten, hatten das Ziel Wettbewerb zu verhindern.
In den neunziger Jahren wurde allmählich klar, dass die Nationengefüge stärker waren, als man sich dies zugestand. Zum Beispiel 1991 als die Jugoslawische Armee versuchte Slowenien und Kroatien daran zu hindern ihre Föderation zu verlassen. Das folgende Massaker war ein Test für alle internationalen Organisationen. Alle scheiterten. Während darüber debatiert wurde, dass die globale Wirtschaft die Nationengebilde irrelevant machten, wurden tausende Menschen umgebracht um noch mehr Nationen zu kreieren. Schlimmer noch, das wirtschaftlich-administrative Gebilde der Europäischen Union war nicht in der Lage irgend etwas gegen diese Gräuel zu unternehmen. Ähnlich geschah in Rwanda: Die Nationen meldeten sich zurück; mit allem Übel.
Über mehrere Jahre versuchte Lateinamerika den Instruktionen, vom IMF, westlichen Regierungen und privaten Banken ausgelegt, zu folgen. Zwar gab es einige momentane Erfolge zu verzeichnen, aber langfristig führte der eingeschlagene Weg zum Kollaps. Befürworter beklagen, dass es hätte funktionieren können mit weniger starken Gewerkschaften, weniger Korruption etc., aber reale Wirtschaft muss sich auch in der Realität abspielen; ohne perfekte Bedingungen. Das Fazit ist, dass Latein Amerika nicht mehr an die Globalisierung glaubt. Ebenfalls Afrika, wie ein grosser Teil Asiens. Globalisierung ist nicht mehr global.
Einige Finanzminister haben in letzter Zeit, leise an Reregulierungen gearbeitet. Malaysia hat, als Antwort auf die Wirtschaftskrise, ihre Währung vom Markt genommen, den Export von fremdem Kaptial blockiert, Tarife erhöht und auch sonst alles getan was gegen die Regeln der Globalisierungsbewegung spricht. Trotz aller zynischen Kommentare westlicher Beobachter, dass der Staat dies nicht überleben würde, ging die eingeschlagene Strategie Malaysias schliesslich als Modell dafür hervor, dass eine Stützung der eigenen Währung hilfreich sein kann.
Ein weiteres Beispiel für einen Wirtschaftszweig, die von der Globalisierung richtig durchgeschüttelt wurde, ist die Flugindustrie. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann diese kräftig zu wachsen und Mitte der siebziger Jahren wurden erste Deregulierungen gefordert. Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 erlitten diese einen Rückschlag von 5.7 Prozent, und obwohl es davor einen sechzig Jahre langen Aufstieg gab, war dies bereits zuviel des Schlechten. Diejenigen, welche 25 Jahre zuvor nach Deregulierungen riefen, waren nun Bankrott. Interessant sind auch die weiteren ökonomischen Auswirkungen der Anschläge vom 11. September 2001, als die Gefahr einer weltweiten Depression existierte und erst das eingreifen der Nationen in die Ökonomie schlimmeres verhinderte. Für einmal traten die CEOs zur Seite.
Neuseeland war in den frühen achtziger Jahren das Rollenmodell der Globalisierung. Was folgte waren Jahre mit stagnierendem Lebensstandard. Nachdem die nationale Industrie verkauft war, sich die Wirtschaft in Tiefflug befand und die Jungen das Land in alarmierender Zahl verliessen, kam die Wende in einer Abstimmung Ende 1999. Die Stimmbürger traten ein für die Wende: Mehr Regierungsinterventionen, mehr Regulierungen und einen stabileren privaten Sektor.
Im Frühjahr 2006 wollte Dubai Ports den britischen Hafenbetreiber P&O übernehmen, der sechs Häfen in den USA kontrolliert. Damit wären der Seezugang zu New York, Baltimore, Miami, New Jersey, New Orleans und Philadelphia in die Hände eines staatlichen Unternehmens aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gefallen. In den Häfen wären zwar künftig weiterhin die US-Küstenwache und der Zoll für die Sicherheit verantwortlich gewesen, trotzdem verursachte diese Meldung in den USA heisse Köpfe. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass das US-Repräsentantenhaus den Verkauf blockieren würde. Der Haushaltsausschuss beschloss einen Gesetzesentwurf, der die Übertragung von Pachtverträgen an die Dubai Ports World verbietet. Schliesslich teilte Dubai Ports mit auf die Übernahme der Häfen zu verzichten. Interessanterweise bildeten republikanische Representanten die Speerspitze des Widerstands gegen die Übernahme. Politiker, welche sich stets gegen Protektionismus ausdrückten und alle glauben machen wollten, dass freier Handel Garant sei für Wohlstand, Stabilität und Sicherheit.
Nationalismus ist unverkennbar zurück und präsentiert sich leider nicht bloss von der nette Seite. Dies zeigt sich in Wahlerfolgen extrem-nationalistischer Richtungen Mitte dieses Jahrzehnts in West-Europa (Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland, Norwegen, Schweden, Italien, Österreich, Nord Irland und auch der Schweiz). Globalisierung ist, nach einem eher kurzen Gastspiel, gescheitert. Bleibt zu hoffen dass die Wunden nicht allzu tief stecken, damit das Pendel nicht übertrieben in die Gegenrichtung ausschlägt.
[...] Das Ende der Globalisierung [...]
Pingback von Ist die Globalisierung am Ende? | Tom's TamTam — Juli 9, 2008 @ 1:55
[...] Ralston Saul beschrieb dies in seinem Essay über den Globalismus so (siehe den Wanderarbeiter zum Ende der Globalisierung): “As for the romance of Gigantism – of corporate size as a criterion for industrial success [...]
Pingback von Wohlstand durch Masse « Der Arbeitsmarkt in der Schweiz unter der Personenfreizügigkeit mit der EU — Juli 11, 2008 @ 6:35