Der Arbeitsmarkt in der Schweiz unter der Personenfreizügigkeit mit der EU

Juli 11, 2008

Wohlstand durch Masse

Gespeichert unter: Nicht kategorisiert — Schlagworte: , , , , — wanderarbeiter @ 6:35

Von ehemaligen Spitzensportlern liest man gelegentlich wie diese ihr ruhmreich angehäuftes Kapital rasch an der Börse verprassten und nun mit ziemlich abgesägten Hosen da stehen. Dies liest man aber nur, falls diese Berühmtheiten wegen sonst einer Geschichte wieder einmal in den Schlagzeilen sind und man sich fragt, wieso diese die Publizität überhaupt nötig haben: Eben darum; Geld verspielt. Sonst kennt man keine Leute die Geld verprassten, obwohl die Amtsblätter gespickt sind mit langen Listen finanziell gescheiterten Nachbarn. Es ist uns ein leichtes ein paar Namen mit Börsenmillionarios auf zu zählen, aber bei den Gescheiterten fällt uns Niemand ein. Höchstens ein paar Ex-Sportler eben. Für Adolf Ogi mag es eine herbe Niederlage sein, dass jemand im Leben schlittert, obwohl er schnell den Hang runter (Peter Müller) oder rauf (Beat Breu) fahren kann.

Nun kommt der Bankberater ins Spiel (ein ehemaliger Fussballprofi – 3 Jahre FC Aarau in der obersten Liga). Dieser erklärt uns, dass die grossen Börsen-Indizes in den letzten hundert Jahren langfristig stets nach oben zeigten. Bei einzelnen Titel sind Rückschlage denkbar, setzt man aber auf ein Kollektiv (sprich Fonds) von gut diversifizierten Titeln, kann man langfristig nur gewinnen. Für einen 30-jährigen Familienvater mit mehreren Kindern im Vorschulalter, ohne Eigenheim oder Auto, empfiehlt er deswegen eine langfristige Position. Das heisst, dass man jetzt – wo die Kinder noch klein sind und bald zu Schule gehen und man vielleicht ein Eigenheim erwerben möchte – sein Geld dem Bankier (Ex-Fussball-Profi) gibt und er einem dies, mit einer tollen Rendite zurück gibt, zu einem Zeitpunkt, wenn die Kinder von Zuhause ausgeflogen sind und selber arbeiten. Ich weiss zwar noch nicht wofür besseres ich dann das Geld gebrauchen werde als jetzt? Vielleicht um wieder zu sparen und dann zu vererben? Meine Kinder sind noch zu klein um einzusehen, dass der Verzicht auf ein eigenes Zimmer sich im Moment allemahl lohnt, wenn sie die Aussicht haben mit sechzig Jahren dafür umso mehr zu erben (bevor meine Kinder sechzig sind, trete ich nicht ab).

Wie dem auch sei: Mich dünkt der Berater, mag er noch so ein flinker Drippler sein, unterlegt dem selben Irrtum der selektiven Auswahl wie ich selber, wenn ich versuche gescheiterte Börsenspekulanten auf zu zählen. Der Börsen-Index, auf den er sich beruft, ist eine Auswahl der erfolgreichsten Titeln. Ist ein Titel nicht mehr erfolgreich, oder die Firma Konkurs, findet sich deren Aktie auch nicht mehr im Index. Der Dow Jones Industrial Average war in den dreissiger Jahren mal bei unter 50 Punkten und ist heute bei über 13′000 Punkten (Trotzdem hätte ich nicht gerne siebzig Jahre auf alles verzichtet, bloss um mein Geld gewinnbringend anzulegen).

Als der Dow Jones Index das erste mal erhoben wurde, waren vor allem Produktionsbetriebe in Holzgewinnung und Lederverarbeitung vertreten. Wer damals in jene Firmen investierte kann heute mit diesen Aktien der Pfadi bei ihrer Altpapiersammlung eine Freude machen, und dies obwohl der Index stark anstieg. Aber eben, die Titel im Index wechselten. Von den ursprünglichen Titeln ist bloss General Electric weiterhin aufgeführt. Wer dafür zu Beginn weg in Lederverarbeitung plus General Electric investierte, mag leicht über den Niedergang der Lederverarbeitungsindustrie hinwegkommen.

Während der langen Zeitspanne, welche manche Indices dokumentieren, hat vor allem auch die Menge an Wertschriften zugenommen. Falls der Index tendenziell die erfolgreicheren Titel aufführt, so hat dieser einen höheren Wert, falls mehr Titel zur Auswahl stehen. Oder anders ausgedrückt: Falls die Auswahl steigt, steigt ziemlich sicher auch der Wert des wertvollsten Titels. Folgende Simulation soll dies verdeutlichen:

Die Aktien nehmen Werte grösser gleich Null zufällig an. Im Durchschnitt haben sie den Wert 1 und folgen der Exponentialverteilung wie hier dargestellt:

Exponentialverteilung

Exponentialverteilung.

Nun berechne ich für einen Index, bestehend aus den 20 besten Werten aus allen möglichen N Werten, den Durchschnitt. Ich tue dies für verschiedene Ns von 20 bis 500 und erhalte dabei folgende Abhängigkeit von N und meinem Index-Durchschnitt:

Index der 20 besten Titel aus N (Abszisse) zur Auswahl stehenden Titel.

Index der 20 besten Titel aus N (Abszisse) zur Auswahl stehenden Titel.

Wie zu erwarten, steigt die Kurve mit wachsender Anzahl Wertschriften an. Je mehr Aktien zur Verfügung stehen, umso grösser ist der Wert der wertvollsten darunter.

Weiter mit einer anderen Konstellation. Nun starten alle Aktienpreise mit dem Wert Null. Es wird simuliert wie sich diese Werte mit fortlaufender Zeit verändern. Von einem Zeitpunkt zum nächsten kann jeder Wert entweder stark zunehmen (plus 2), einfach zunehmen (plus 1), stagnieren oder einfach (minus 1) oder stark abnehmen (minus 2). Nehmen wir weiter an, dass die Stagnation zu 20 Prozent der Zeitpunkten eintritt, die einfachen Veränderungen in 30 Prozent und die starken Veränderungen in 10 Prozent aller Zeitpunkte. Insgesamt werden 50 Zeitsprünge angenommen und wieder interessiert uns die Frage welcher Wert die 20 besten Aktien zum letzten Zeitpunkt haben, in Abhängigkeit von der Anzahl Aktien welche auf dem Markt sind. Der ermittelte Zusammenhang zwischen Wert und Quantität ist in Kurve A im Bild unten dargestellt. Wieder ergibt sich qualitativ derselbe Zusammenhang wie in obigem Beispiel. Den Ökonomen und Bankberater freut’s. Mit zunehmender Titelauswahl steigen die Indices, selbst wenn zu jedem Zeitpunkt alle Aktien mit exakt gleicher Wahrscheinlichkeit fallen wie steigen.

Index der 20 besten (A blau), der 20 schlechtesten (B rot) Titel und der 20 besten Titel, wenn eine Unterschreitung der Verlustzone zur Elimination und Ablösung durch einen neuen Titel führt (C grün).

Index der 20 besten (A blau), der 20 schlechtesten (B rot) Titel und der 20 besten Titel, wenn eine Unterschreitung der Verlustzone zur Elimination und Ablösung durch einen neuen Titel führt (C grün).

Wenn wir nun den Durchschnittswert der 20 schlechtesten Aktien abbilden (Kurve B im obigen Bild) sehen wir, dass tatsächlich im Schnitt nichts gewonnen wurde. Was bei den besten Aktien dazu gewonnen wurde, wurde bei den schlechtestes verloren. Es wird nun auch offensichtlich, dass wir nicht mehr von Aktien sprechen, da negative Preise in dem Zusammenhang keinen Sinn ergeben. Also stellen wir uns vor dass der errechnete Wert nicht derjenige einer Aktie ist, sondern das Firmenvermögen. Die Firma ist völlig ausgeglichen, denn mit gleicher Wahrscheinlichkeit macht sie jedes Jahr entweder Verlust oder Gewinn, im Durchschnitt bleibt das Firmenvermögen konstant. Trotzdem zeigt unser Portfolio der zwanzig besten Unternehmen steil nach oben, falls man die Quantität fördert. Wird Gigantismus gefördert (grosse Anzahl möglicher Werte – Abszisse), ohne gleichzeitig die negativen Seiten (Linie B) zu erwähnen (über Verluste redet man nicht gerne), kann also das Bild entstehen, dass zwangsläufig alles stets besser wird (solange die Quantität zu nimmt).

Gehen wir nun noch davon aus, dass Firmen nicht allzu viel Schulden machen können, und bauen dies in unsere Simulation ein. Falls ein Unternehmensvermögen auf den Wert von minus 1 fällt, so wird dies (kurzfristig) noch verkraftet, fällt es aber weiter darunter, verschwindet die Firma. An ihre Stelle tritt eine neue Firma, die den Sektor (hoffentlich erfolgreicher) bedient. Die Kurve für die 20 besten Unternehmen unter diesen Voraussetzungen sieht nun noch vielversprechender aus (Kurve C). Die neue Kurve übertrifft die alte an Wert. Dies kann dadurch erklärt werden, dass bei der alten Kurve gewisse Titel unter Null fallen um schlussendlich und langfristig doch bei den besten zu landen. Dass die zweite Kurve aber besser abschneidet, zeigt, dass sich Langfristigkeit und Durchhaltewille nicht ausbezahlt: Ist die Unternehmung ineffizient, lohnt es sich nicht auszuharren (Kurve A) sondern die Unternehmung schnell zu vergessen und auf ein anderes Ross zu setzten (Kurve C).

Die volkswirtschaftliche Lehre, welche wir daraus ziehen ist, dass die Vorzeige-Unternehmen umso glänzender da stehen, umso grösser der Markt wird. Zwar gibt es im grossen Markt auch viel mehr Verlierer, aber über die wird schliesslich nicht berichtet. Der Erfolg einer wirtschaftlichen Massnahme misst sich an den Gewinnern. Wird der Wirtschaftsraum vergrössert zeigen alle statistischen Indices, bereitgestellt von der Handelskammer, nach oben (Kurven A und C). Alle Indices, die von den Gewerkschaften bereitgestellt werden, zeigen nach unten (Kurve B). Recht haben alle.

Seltsamerweise wird Gigantismus stets mit Erfolg gleichgesetzt. Man zeigt stolz auf den Nahrungsmulti Nestlé als ein Schweizer Unternehmen, obwohl bloss bescheidene 2′500 aller Arbeitsplätze von Nestlé in der Schweiz angesiedelt sind. Viele Schweizer Firmen sind einiges grösser als dies, haben aber global nicht dieselbe Grösse, was dann weniger Erwähnung findet. Bei Lebensläufen von Führungspersönlichkeiten ist wichtig, wie viele Mitarbeiter die Firma hatte, die man zuvor leitete, und welchen Umsatz. Dass man gut arbeitete scheint daraus zu folgen, wenn die beiden Zahlen hoch sind. Auch ist die Entschädigung von Kadermitarbeitern höher, wenn die Unternehmung grösser ist. Dies ist wichtiger als die eigene Leistung. Grösse scheint in Wirtschaftskreisen Wohlbehagen und Erfolg aus zu strahlen. Lieber eine Firma mit 50′000 Angestellten, als hundert Firmen mit 5′000 Angestellten, obwohl das zweite zehnmal so gross ist. Dass Firmen eine monopolartige Machtstellung anstreben, welche sie nur durch Grösse erlangen, scheint unausweichlich. Wenn aber Volkswirtschaften ihren Erfolg in der Grösse definieren ist Vorsicht angesagt.

Wohl mögen viele Schweizer glücklich grinsen, wenn Unternehmen mit Firmensitz in der Schweiz international ausstrahlen und sich durch Grösse auszeichnen. Aber was hat es schlussendlich dem Einzelnen gebracht? Nichts! Kauft eine Schweizer Firma einen ausländische Betrieb auf (oder umgekehrt), was ist dann der Gewinn unter dem Strich für den Arbeiter? Oder eine Firma geht global mit der Auslagerung tausender von Arbeitsplätzen (Nestlé?), wiegt dann der Verlust nicht stärker als der emotionale Sieg der sagt: „Wir sind globale Akteure, uns kann man nicht einfach übersehen“?

Wie dem auch sei: Für einzelne Firmen mag die Expansionsstrategie aufgehen, aber die Grösse Einzelner, sollte nicht das Gesamtbild kaschieren. Das Problem ist nicht bloss, dass Verbände und Lobbyisten Gigantismus mit Erfolg gleichsetzen, das Problem ist dass sie damit oft durch kommen. Wie es scheint haben die Menschen eine warme emotionale Bindung zur Grösse. John Ralston Saul beschrieb dies in seinem Essay über den Globalismus so (siehe den Wanderarbeiter zum Ende der Globalisierung): „As for the romance of Gigantism – of corporate size as a criterion for industrial success – it was the beginning to look pretty silly. Endless mergers had led to high levels of unservicable debt and bankruptcy. It was as if size had replaced thought. As if it were a male thing“.

Für die Personenfreizügigkeit heisst dies, dass man die Anzahl Personen in einer Volkswirtschaft ausweiten kann und am Schluss geht es sehr vielen sehr gut. Es geht auch mit grosser Wahrscheinlichkeit einzelnen supergut. Es wird allerdings nach der Ausweitung auch viel mehr Leute geben, denen es nicht so gut geht. Die Frage ist was schlussendlich raportiert wird und daran wird die Bevölkerung messen, ob die unkontrollierte Ausweitung der Personenmenge gut oder schlecht für die Schweiz sei. Leider gibt Gigantismus und Erfolg schlussendlich die besseren Geschichten ab, als das Leid anonymer Randständiger. Gerne wird von der Anzahl neu geschaffener Stellen seit Einführung der Personenfreizügigkeit berichtet und den niedrigen Arbeitslosenzahlen. Wie steht dies aber im Verhältnis zur starken Zuname von Teilzeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen, wie zu den über 30 tausend Ausgesteuerten jährlich? Welche Zahlen sind grösser? Wo hat es mehr Schweizer; mehr Arme oder Reiche, Junge oder Alte? Wie verhält sich die Anzahl neuer Stellen zu der stets wachsender Zahl der Sozialhilfebezüger, der Invaliden und Frührentner. Darf man diese separat von den Arbeitslosenzahlen aufführen? Der Reallohn ist gesunken, das Haushaltseinkommen (da mehr gearbeitet wird und ein Einkommen pro Haushalt oft nicht mehr reicht) nominal gestiegen. Was wird erwähnt? Machen Statistiken mit Nominaleinkommen überhaupt Sinn? Wie verhält sich dies zur Kaufkraft? Zu den erst gesunkenen dann gestiegen Warenpreisen? Wer profitiert? Simple Antworten kann sich jeder selber zusammenstellen. Das ist das Kreative am Gigantismus: In einer vielschichtigen Welt sind alle Antworten generierbar.

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