Herr Hesse hat mir zum Eintrag „Inländervorrang folgendes geschrieben:
„Zu dem Thema muß ich sagen,daß meine Frau bei ihrer Jobsuche sehrwohl größere
Probleme hat eine Anstellung zu finden,obwohl sie sehr gut qualifiziert ist und 15
Jahre Berufserfahrung besitzt.Sie ist Deutsche,deshalb wird eine Schweizerin immer
bevorzugt.Das nervt uns sehr und wirft kein gutes Bild auf die Schweiz und ihre
Bürger. T.Hesse Aadorf/TG“
Lieber Herr Hesse,
Herzlichen Dank für ihren Beitrag. Was sie berichten hat mir soeben auch ein Assistenzarzt vom Kantonsspital zugetragen: Er ist als Schweizer der einzige Nicht-Deutsche in seiner siebzehn köpfigen Arbeitsgruppe und hat festgestellt, dass er bei Bewerbungen gegenüber Ausländern deutlich bevorzugt wird. Man möchte lieber Schweizer Arbeitnehmer, hat aber schlicht nicht die Möglichkeiten dies auch durchzuziehen.
Eine ältere Arbeitnehmerin aus dem Industriesektor erzählt mir, dass bloss wenige Deutsche in ihrer Firma beschäftigt waren, bis sich ein einziger Deutscher in entscheidender Positionen im Management der Personalabteilung befand. Danach drehte die Anstellungspolitik schlagartig und es wurden nur noch Deutsche eingestellt.
Dass Arbeitnehmer die eigene Spezie fördern hat einzig egoistische Zwecke. Mit seiner Anstellungs- und Beförderungs-Politik zeigt man, was auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Weil man selber gerne gefragt sein möchte, fördert man also diejenigen die so sind wie man selber. Dies wirkt sich dann aus auf Arbeitsbedingungen die sich unterscheiden nach Nationalität, Geschlecht, absolvierter Ausbildung, Alter, und so weiter, aber nicht nach Qualifikation. Der Arbeitsmarkt wird geleitet von Menschen, welche gleichzeitig auf der Nachfrage und auf der Angebotsseite stehen. Dass es da zu Interessenkonflikten kommt lässt sich kaum vermeiden.
Da Firmen zunehmend von Verwaltern und Nicht-Eigentümern geführt werden und die Arbeitnehmer rasch die Stelle wechseln (müssen), verschlechtert zudem die Aussicht, dass bei Beförderung, Anstellung und Lohn, solche egoistische Züge vor das Wohl der Firma gestellt werden. Dies lässt sich nicht regulieren, obschon die bilateralen Verträge zur Personenfreizügigkeit dies gerne vortäuschen.
Interessant ist ein Artikel, verfasst vom Chef der Telekommunikationsfirma Sunrise und erschienen in der Zeitschrift Weltwoche. Er sagte, dass Sunrise in den vergangenen Jahren grosse Fehler begangen habe, wovon der grösste war, dass zu wenige Schweizer in Kaderpositionen vertreten waren. Er will dies nun korrigieren. Verletzt er damit gegen die bilateralen Verträge, die den Inländervorrang abschaffen? Dürfen sich die deutschen Kollegen über diese Massnahme empören?
Was ihre Frau erlebt, Herr Hesse, und gegen was sich dieses Forum richtet, ist, dass die Personenfreizügigkeit zu einer enormen Zuname von Arbeitskräften geführt hat. Dadurch ist der Preis der Arbeit gesunken, die Ausbildungsqualität hat gelitten und die Möglichkeiten für den Einzelnen wurden eingeschränkt. Das Staatsekretariat für Wirtschaft, sowie der Arbeitgeberverband haben uns versprochen, durch die Verschlechterung der Arbeitsqualität (etwa das Sinken der Reallöhne seit Einführung der Personenfreizügigkeit und die damit verbundene Kostensenkung zugunsten der Arbeitgeber) würde die Wirtschaft dermassen beflügelt, dass dadurch alle profitieren würden. Sie erzählten uns, dass durch eine massive Steigerung der Nachfrage (nach Arbeitsplätzen), schlussendlich mehr Arbeitsplätze und bessere Arbeitsplätze entstehen. Ein ökonomischen Perpetuum-Mobile: Man nimmt den Leuten immer mehr weg und also Folge davon haben sie immer mehr. Dass dies nicht aufgeht hat die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt und muss nun auch ihre Frau spüren: Der Arbeitsmarkt wird von den Arbeitnehmern kontrolliert; Junge müssen zuerst Praktika zu schlechten Bedingungen absolvieren; Kompromisse oder Umschulungen werden kaum mehr angeboten; wer nicht genau dem Profil entspricht wird ausgemustert, wie etwa die – trotz Hochkonjunkur – jährlich dreissig- bis vierzigtausend Ausgesteuerten. Es herrscht ein harter Kampf um die offenen Arbeitsplätze und wer meint privilegiert zu sein, hat sich von falschen Versprechen benebeln lassen.
Ihr Fall, Herr Hesse, ist bestimmt keine Ausnahme, sondern passt genau in das Schema, wie die Globalisierung Familien auseinander reisst. Mein Chef ist Engländer, seine drei Kinder genossen eine gute Ausbildung und gehen nun attraktiven Beschäftigungen nach in der Schweiz, in Schweden und Australien. Ich selber bin in den letzten zehn Jahren rund fünf Mal umgezogen und habe dabei Strecken zwischen 150 und einigen zehntausend Kilometern zurückgelegt. Bestens Qualifizierte finden zwar in der globalisierten Welt leicht eine attraktive Arbeitsstelle, müssen aber ihre Suche auf den ganzen Globus ausweiten, ansonsten wird daraus nichts. Dass der gut-qualifizierte Ehepartner ebenfalls im selben Ecken der Welt zur selben Zeit eine passende Stelle antreten kann, wo doch auch er weltweit suchen muss, ist eher unwahrscheinlich. Schauen sie sich in ihrer Umgebung um und sie werden beobachten, wie etwa Sozialhilfeempfänger ihren gesamten Familienkreis in enger Umgebung haben. Auch wenn dieser riesig ist und alle gar nicht aus der Schweiz stammen, sondern jeder Einzelne – zum Beispiel aus der Türkei – einwandern musste. Die Chefs und Gutbetuchten dagegen haben bestenfalls ihren Partner als einziges (Gross-)Familienmitglied im näheren Umkreis von hundert Kilometern, wobei der Partner oft keiner (der Ausbildung entsprechenden) Beschäftigung nach geht. Hochspezialisierte Arbeit und Familie reibt sich mit der Personenfreizügigkeit, welche einen Wirtschaftsraum vom Baltikum bis zu den Azoren schafft. Für Erdbeerenpflücker oder Sozialhilfeempfänger sieht es diesbezüglich besser aus, dies sollte aber einzig eine Option sein, falls die eigenen Familienwerte weit wichtiger sind als alles andere.