Der Fussballerstaat
Gemäss einer Aussage von Franz Beckenbauer, rentiert die Ausbildung von Fussballern nicht. Zwar werden für Spitzenfussballer auf internationalem Parkett derart horrende Preise verlangt, dass man sich wünscht man hätte selber dieses Talent gefördert um nun den grossen Reibach zu machen. Nur ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass aus einem Zögling eben gar nichts wird. Dann hat man umsonst investiert. Beckenbauer hat nun die Rechnung gemacht: Die Wahrscheinlichkeit des seltenen Falls einen Ausnahmekönner Hochgezogen zu haben mal dessen Transfer-Kosten, minus die anfallenden Kosten diesen Ausgebildet zu haben. Sein Urteil: In jedem Fall negativ für den Verein.
Könnte man Talente sehr früh und mit grosser Genauigkeit erkennen, könnte man seine Investition optimieren. Kann man aber eben nicht. Zu viele Jünglinge sehen wie spätere Talente aus, bevor sich deren Interessenlage ändert, sich Verletzungen einschleichen, oder aber einfach die späteren Jahre nicht den Leistungsschub bringen, welcher erhofft wurde. Nachwuchsförderung ist eine nette Geste um die lokale Bevölkerung, schlussendlich aber Sponsoren und öffentliche Geldgeber zu beschwichtigen.
Beckenbauers Urteil folgend liegt der Erfolg des ambitionierten Fussballvereins darin begründet, erfolgreich einzukaufen. Einen Blick auf die Europäischen Spitzenklubs bestätigt dieses Bild, und tut dies immer deutlicher.
Dass diese Analyse für die private Wirtschaft genauso stimmt scheint auf der Hand. Die Praxis zeigt deutlich in diese Richtung. Die Ausbildung wird an den Staat delegiert, die Weiterbildung an die Arbeitnehmer. Ausbildung der eigenen Mitarbeiter, oder gar eine Investition in den Staat, um Ausbildungen zu fördern lohnen sich nicht. Zu gering ist der erwirtschaftete Gewinn an der Investition.
Die nächste Frage ist folglich: Lohnt sich die Bildungsinvestition für den Staat? Erstens muss dazu gesagt sein, dass das demokratische System einen gewissen Bildungsgrad der Bürger voraussetzt. Ist dieser nicht vorhanden, kann es sich beim betreffenden Staat schlicht nicht um eine Demokratie handeln.
Die USA müssen sich oft den Vorwurf gefallen lassen, dass sie wenig in die Bildung ihrer Jugend investiert. Der schlechte Bildungsgrad, vor allem in den Naturwissenschaften, wird durch Personal-Einkauf von Auswärts, kompensiert, heisst der Vorwurf. Die USA sind, wie alle westlichen Industriestaaten in der komfortablen Situation, dass man Gastarbeiter nicht ködern muss, sondern diese oft gerne eine neue Existenz in einem reicheren Staat als ihrem Herkunftsstaat aufzubauen versuchen. Stimmt diese Behauptung, so kann man sagen, dass die USA eine Art Beckenbauersche Personalpolitik betreiben.
Der Unterschied zwischen Staat und Fussballverein ist, dass die schlapperen Spieler im Staat bleiben (solange dieser Attraktiv ist), während sie den Sport-Verein verlassen müssen, und diesem auch keine Kosten mehr verursachen. Die Folgen für den Staat sind nebst unschönen Bildern von Verslummung auch Probleme der inneren Sicherheit. Sozialleistungen - ebenso wie öffentliche Bildungsinvestitionen - lassen sich in einem solchen System kaum mehr rechtfertigen. Darin sind die USA den Europäern ebenfalls voraus.
Für die Klassenbesten ist der Fussballerstaat, aus einer wirtschaftlichen Perspektive, eine gute Lösung. Die Frage, ob man auch bereit ist die gesellschaftlichen Konsequenzen zu verantworten, sollte man sich allerdings schon stellen.
Die Lektion stets noch nicht gelernt haben die alten Herren vom Schweizerischen Fussballverband. Nachdem der Doppelbürger-Fussballer Ivan Rakitic Mitte Juni 2007 bekannt gab, künftig für die Kroatische Natioanlmannschaft zu spielen zeigte sich der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn in einem Interview mit 20Minuten perplex “Ich bin enttäuscht, ja sogar verärgert. Es kann nicht sein, dass der Verband über 100 000 Franken in die Ausbildung eines Jungen investiert und schliesslich profitiert ein anderes Land.”.